News · LVMHs beraterorientierte KI: eine Oberfläche entwerfen, die im Hintergrund bleibt

Jun, 94 Min. Lesezeit
Frontend

LVMHs beraterorientierte KI: eine Oberfläche entwerfen, die im Hintergrund bleibt

Die Google-Cloud-Plattform des Luxuskonzerns stellt Verkaufspersonal bei Tiffany, Louis Vuitton und Sephora eine Chat-Oberfläche zur Verfügung – mit dem erklärten Designziel, für die Kundschaft unsichtbar zu bleiben.

Die Oberfläche richtet sich an den Berater, nicht an die Kundschaft

Das konkreteste Produkt in LVMHs Ankündigung ist eine Chat-Oberfläche, die Kundenberater in Geschäften wie Tiffany & Co., Louis Vuitton und Sephora nutzen. Jeder Berater hat eine Liste von Kunden, mit denen er spricht, und das Tool zeigt den persönlichen Geschmack eines bestimmten Kunden an und weist den Berater auf Artikel hin, die dem Kunden möglicherweise noch nicht bekannt sind.

Das ist eine bewusste Platzierungsentscheidung. Die KI spricht nicht mit der Kundschaft. Sie spricht mit dem Mitarbeiter, der dann mit der Kundschaft spricht. LVMH behandelt den Berater als Frontend und das Modell als Assistenten im Hintergrund, der in der eigentlichen Luxusinteraktion nie in Erscheinung tritt.

Wir wollten die persönliche Eins-zu-eins-Interaktion bewahren, die unsere Kunden von unseren Maisons erwarten. Es geht darum, Daten und KI so zu verknüpfen, dass digitale Erfahrung und Ladenerlebnis zusammenfließen – nahtlos und unsichtbar.Montana Labs

'Quiet tech' ist eine UX-Vorgabe, kein Slogan

CIO Franck Le Moal beschreibt das gesamte Vorhaben als 'quiet tech', angelehnt an den Trend des 'quiet luxury'. Entkleidet man das vom Marketing, handelt es sich um eine konkrete Vorgabe für die Oberfläche: Die Technologie darf am Verkaufsort nicht aufdringlich oder sichtbar sein.

Diese Vorgabe bestimmt, was das Tool tun darf. Le Moal sagt, die KI 'gibt dem Berater mehr Zeit, sich auf die Beziehung zum Kunden zu konzentrieren'. Der Maßstab für Erfolg ist nicht die Automatisierung des Gesprächs, sondern der Wegfall von Suchaufwand – Kundenverlauf, persönlicher Geschmack, passende Produkte –, damit der Mensch weiterhin den menschlichen Teil übernimmt.

Bemerkenswert ist, wie viel davon eigentlich Informationsabruf ist, der als Chat verkleidet wurde. Dieselbe Berater-Plattform enthält auch Ladenabläufe, Richtlinien für Öffnung und Schließung sowie aktuelle Produktinformationen der Saison – alles über die Oberfläche abrufbar. Die Chat-Oberfläche dient gleichzeitig als Betriebshandbuch und Kunden-CRM.

Kontinuität ist das unterschätzte Feature

Ein Satz in der Ankündigung verweist auf ein reales geschäftliches Problem, das die Oberfläche löst: Sie hilft, 'Lücken zu schließen, wenn ein Kundenberater das Unternehmen verlässt oder nicht verfügbar ist'. In einem Geschäft, das auf persönlichen Beziehungen aufbaut, bedeutet Mitarbeiterfluktuation normalerweise den Verlust des angesammelten Wissens über die Vorlieben eines Kunden.

Indem LVMH die Geschmacksdaten der Kunden hinter der Berater-Oberfläche statt im Gedächtnis einer einzelnen Person speichert, macht das Unternehmen die Beziehung über Mitarbeiterwechsel hinweg übertragbar. Das ist ein Frontend, das im Stillen das institutionelle Gedächtnis bewahrt – die Kundschaft spürt Kontinuität, selbst wenn sich der einzelne Berater ändert.

Skalierung über 75 Maisons hinweg durch eine gemeinsame Plattform

Die Ankündigung berichtet von über 40.000 monatlichen Nutzern und mehr als 1,5 Millionen monatlichen Anfragen über die generativen KI-Systeme, die Le Moals Team aufgebaut hat. Die Abteilungen Finanzen, Retail, Digital, Recht und HR führen jeweils eigene Agenten für Informationsanalyse und Unternehmenssuche ein.

Der genannte Mechanismus ist eine gemeinsame Datenplattform, die technische Best Practices über LVMHs 75 eigenständige Maisons hinweg verbreitet. Statt dass jede Marke ihr eigenes Berater-Tool entwickelt, greifen sie auf eine gemeinsame Infrastruktur zurück – so entsteht bei einer Gruppe unabhängig geführter Häuser ein einheitlicher KI-Ansatz im Kundenkontakt, ohne eine zentrale Vorgabe für das Kundenerlebnis.

Die Schlussfolgerung: LVMH standardisiert das Werkzeug und schützt zugleich die Interaktion

Die konkrete Wette hier ist, dass KI markenübergreifend und abteilungsübergreifend zentralisiert und wiederverwendet werden kann, während der kundenseitige Moment unberührt bleibt. LVMH teilt intern eine Plattform und Best Practices, besteht aber darauf, dass die Technologie in der Luxusinteraktion selbst nie zum Vorschein kommt.

Für Teams, die in besonders persönlichen Umgebungen mitarbeiterorientierte Assistenten entwickeln, ist der Fall LVMH ein klares Beispiel dafür, wie man Technologie so gestaltet, dass sie verschwindet: Das Modell hinter dem Mitarbeiter platzieren, 'unsichtbar' als explizite Anforderung behandeln und das Tool danach bewerten, wie schnell es die Zeit an das menschliche Gespräch zurückgibt – nicht danach, wie viel von diesem Gespräch es übernimmt.

Find this story relevant to you?

Contact us to find a unique solution

Contact us

Brauchen Sie einen KI-Engineering-Partner, der auch liefern kann?

Wir helfen Unternehmen dabei, KI in Produkte und Prozesse zu integrieren, wertvolle Workflows zu automatisieren und die zugrunde liegenden Softwaresysteme zu modernisieren.

Get in touch

Weiterführende Beiträge

Weitere Analysen rund um Produktbereitstellung, operative KI und die Systemarbeit, die dafür sorgt, dass der Einsatz in der Praxis Bestand hat.

Jul, 134 Min. Lesezeit
Frontend

DNP führte ChatGPT Enterprise in zehn Abteilungen ein und machte das Chatfenster zur zentralen Oberfläche

Jul, 134 min to read
Frontend

AdventHealth deploys ChatGPT across nine states by treating adoption as the product

Jul, 134 Min. Lesezeit
Frontend

AP+ nutzt Codex, um funktionierende Zahlungsprototypen zu bauen – nicht nur klickbare Bildschirme